<< zurück

Lagerpolitik
14.10.2005
Demonstration in Ceuta
Ceuta - European Caravan Against the Death Fence

Vom 05. bis 06.11.2005

Bericht über die europäische Karawane an den Todeszaun in Ceuta
am 5./6. November 2005

von Gisela Reher (AntiLager Gruppe Hamburg)

Etwa 400 Menschen kamen am letzten Wochenende nach Ceuta, einer der beiden spanischen Enklaven in Marokko, um gegen die Abschottungspolitik Spaniens und der EU zu protestieren. Es war die erste Demonstration zu diesem Thema in Ceuta, einer hochgradig militarisierten Stadt, nach den dramatischen Ereignissen an den Grenzzäunen der Enklaven Ceuta und Melilla in den letzten beiden Monaten. Im Verlaufe dieser Ereignisse starben 16 Menschen, etwa 4000 Personen wurden von den marokkanischen Behörden in ihre Herkunftsländer abgeschoben und immer noch werden hunderte von Flüchtlingen in marokkanischen Militärcamps festgehalten.
Die TeilnehmerInnen kamen hauptsächlich aus den andalusischen Städten Granada, Malaga und Sevilla, aus Madrid, Galizien, Baskenland und Katalonien - es gab auch einige Leute aus Italien, Frankreich und der Schweiz. Die Mehrheit der TeilnehmerInnen trug orange T-Shirts mit einer Leiter als Emblem und dem Aufdruck: "No a la Valla" (Nein zum Zaun)

Die Demoroute führte zunächst vom Fähranleger an den 4 km entfernten Grenzzaun im Süden von Ceuta, auf dieser langen Strecke wurden jede Menge Transparente und Pappschilder getragen, Aufkleber geklebt, Parolen gesprüht und lautstark gerufen. Das Fronttransparent trug die Aufschrift " No mas muertes en la frontera - ningun ser humano es ilegal"(Keine Toten mehr an der Grenze - kein Mensch ist illegal). Die Demo wirkte insgesamt sehr entschlossen und kämpferisch, es wurden ununterbrochen Parolen gerufen wie "papeles para todos o todos sin papeles" (Papiere für alle oder alle ohne Papiere), "todos somos hijos de la inmigration - primera, segunda, tercera generacion" (Wir sind alle Kinder der Immigration - erste, zweite, dritte Generation), "no se quita el hambre con el alambre" (Man beseitigt nicht den Hunger mit Zäunen). Die Demoroute auf der Straße zum Grenzübergang bzw. Grenzzaun nach Marokko führte an verschiedenen Wohnblocks vorbei, die in Richtung Grenze immer ärmlicher und schäbiger wurden, entsprechend vielen auch die Reaktionen der Bevölkerung aus. Von vereinzelten Beschimpfungen, Pöbeleien und sogar Eierwürfen abgesehen, wurde die Zustimmung zur Demo immer größer je näher wir der Grenze kamen, wo überwiegend Menschen mit migrantischem Hintergrund leben. Es bedankten sich Leute bei der Demo, applaudierten uns, schlossen sich vereinzelt der Demo an und etliche arabischsprachige Kids begleiteten uns lautstark Parolen brüllend zum Grenzzaun.
Dort war das Aufgebot der Guardia Civil (entgegen meinen Erwartungen) relativ locker und entspannt, allerdings durfte die Demo nicht unmittelbar an den Zaun, sondern wurde auf 50 meter Abstand gehalten. Einer kleinen Gruppe wurde erlaubt, ein Transparent am Grenzzaum zu befestigen und Blumen abzulegen an der Stelle, wo am 29.09. zwei Menschen zu Tode kamen. Das Transparent trug die Aufschrift "tumba la valla" (Reißt den Zaun nieder). Vor dem Grenzzaun und den reichlich anwesenden Medienvertretern wurde nochmal die Forderung nach einer umfassenden Untersuchung der Todesumstände durch eine unabhängige Delegation, der Identifizierung der Verantwortlichen und ihre gerichtliche Verfolgung vorgetragen, die Entmilitarisierung der Grenze, die Einstellung der aktuellen EU - Migrationspolitik, die Schließung der Lager, die Anerkennung der politischen Flüchtlinge und die Regularisierung aller MigrantInnen in den Lagern in Ceuta und Melilla gefordert, sowie das Ende der sozialen und arbeitsmäßigen Apardheid.
Danach ging die Route zum CETI, dem Auffanglager für MigrantInnen in Ceuta, welches sich auf der entgegengesetzen nordwestlichen Seite der Stadt befindet und zur Zeit nur noch etwa 400 Flüchtlinge beherbergt. Das CETI ist ein halboffenes Lager, welches die zwar Flüchtlinge verlassen dürfen, dort aber um 23 Uhr wieder anwesend sein müssen. Die parolenrufende, kämpferische Demo wurde zunächst noch etwas zurückhaltend von den anwesenden Flüchlingen erwartet. Wir bauten dann unser Camp auf einem großen Platz oberhalb des CETI im Dunkeln auf und luden die Flüchtlinge ein, zu uns auf den Platz zu einem Fest zu kommen. Sie kamen dann auch tatsächlich und es gab eine wirklich multikulturelle Begegnung, bei der einzelne Flüchtlinge das Mikrofon ergriffen und Lieder in ihren Sprachen sangen, während die Anderen den Rhythmus klatschten und tanzten. Das war wirklich sehr bewegend im wahrsten Sinne des Wortes, da es draußen sehr kalt und windig war. Die Flüchtlinge und auch die Leute von der Karawane haben den Abend sehr genossen, es gab sozusagen zwei Bühnen: eine afrikanische und eine indisch/arabische. Zum Schluß haben dann alle in den Demo Song "papeles, papeles ..." eingestimmt und getanzt.
Am nächsten Morgen gab es eine große Versammlung mit den Flüchtlingen, bei der alles Gesagte auch ins englische und französische übersetzt wurde. Die OrganisatorInnen erklärten zunächst den MigrantInnen, warum die Karawane nach Ceuta gekommen ist und welches unsere Forderungen sind. Die Flüchtlinge hatten dann Gelegenheit zu erzählen, wie und warum sie kamen und welche Unterstützung sie von uns erwarten bzw. wie eine Zusammenführung ihrer Kämpfe mit unseren und eine Vernetzung derselben errreicht werden kann. Es wurden viele Adressen und Handynummern ausgetauscht und die Karawane sagte zu, sich für die Legalisierung der MigrantInnen von Ceuta und Melilla einzusetzen und die Vorgänge an den EU Außengrenzen weiterhin intensiv zu verfolgen.
Anschließend gab es eine Demo zur spanischen Regierungsdelegation im Centrum von Ceuta. Die Flüchtlinge begleiteten uns nicht auf dieser Strecke, sondern kehrten ins CETI zurück, da die Einschätzung vorherrschte, daß die latent rassistische Stimmung innerhalb der Bevölkerung und die hetzerische Berichterstattung in der Lokalpresse über die Karawane eventuelle Übergriffe provozieren und die Flüchtlinge gefährden würde. Also verabschiedeten wir uns mit der neuerlernten Parole "Solidarite avec les sans papieres" (Solidarität mit den Papierlosen) und formierten uns wieder zu einer kämpferischen Demo. Allerdings liefen wir (wie am Vortag teilweise auch) durch unbewohntes Industriegebiet und selbst in der Innenstadt von Ceuta waren am Sonntag Nachmittag zur Stunde der Siesta kaum Menschen unterwegs. Außer vereinzelten Pöbeleien und Beschimpfungen kam es dann aber doch nicht zu irgendwelchen ernsthaften Auseinandersetzungen mit der Bevölkerung und selbst vor dem Platz der spanischen Regierungsdelegation, der natürlich abgesperrt war, verlief alles friedlich. Die OrganisatorInnen der Karawane hatten den Regierungsvertreter am Vortag zu einem Gespräch mit ihnen aufgefordert und welch ein Wunder, er war tatsächlich anwesend und empfing die sechsköpfige Delegation. Diese überbrachte die Forderungen der Karawane, während der Regierungsvertreter in dem halbstündigen Gespräch die Meinung vertrat, daß die spanische Regierung nur geltende Gesetze angewandt und zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Fehler begangen hätte.
Die angespanntesten Momente während der gesamten Aktion gab es dann während der Pass- und Gepäckkontrollen vor der Abfahrt der Fähre. Während es auf der Hinfahrt von Algeciras nach Ceuta überhaupt keine Kontrollen gab, da ja nach spanischem Verständnis keine Grenze überschritten wurde, gab es auf der Rückfahrt ausführliche Pass- und Gepäckkontrollen. Dabei kam es kurzfistig zu Rangeleien mit Grenzschützern bzw. Polizisten wobei auch einige Gegenstände zu Bruch gingen, als Leute versuchten die Absperrungen zu durchbrechen. Da die Leute entschlossen waren, daß entweder alle oder niemand mit der Fähre zurückkehren würde, wurde der Zugang zur Fähre besetzt und so die Abfahrt verhindert bis schließlich alle die Grenzkontrollen passiert hatten. Die übrigen Passagiere der Fähre waren entsprechend sauer und es gab heftige verbale Auseinandersetzungen bis die Fähre mit 1 ½ stündiger Verspätung ablegte, danach beruhigten sich die Leute wieder.

Insgesamt war die Aktion am 5./6. November in Ceuta meiner Meinung nach ein großer Erfolg wegen des starken Medienechos in Spanien und auch bezüglich weiterer Schritte hin zu einer besseren nationalen und internationalen Vernetzung gegen das derzeitige EU - Grenzregime, für offene Grenzen und gleiche Rechte für alle !!!


  • medico-international.de (Hotel Savoy in Tanger von Navid Kermani)
  • www.german-foreign-policy.com (27.11.2005)
    Größere humanitäre Krise
  • www.noborder.org/dead.php
    a compilation of all press reports on deaths at the european boders since dec 2002
  • www.meltingport.org
    Ceuta - European Caravan Against the Death Fence

  • www.umbruch-bildarchiv.de Aktion vom 17.10.2005 in Berlin
  • estrecho.Indymedia.org

  • Zusammengefasste Übersetzung von "Notas sobre emergencias" von Jose Perez de Lama, aka osfa, Mitglied von Indymedia Estrecho
    Erneute Einwanderungstragödie in Almeria und den Kanarischen Inseln (deutsch)
    Offener Brief aus Tétouan an Koffi Anan und andere des Europäischen Parlaments (deutsch)
    Lettre ouverte à Koffi Anan ainsi q´u'à la Présidence du Parlament Européen (fransaise)
    Die Lager von Nador und Guelmin (Bericht vom 23.11.2005 deutsch, spanisch)
    Karawane nach Benyouness 19.11.2005
    Bericht von Asylsuchenden aus dem Militärlager Guelmin Marokko (Übersetzung Gisela Reher AntiLager Gruppe Hamburg)
    Bericht von Asylsuchenden aus dem Militärlager Guelmin Marokko (auf spanisch)
    Bericht der ganzen Tage von Gisela Reher (AntiLager Gruppe Hamburg)
    Bericht vom 1. Tag von Meltingpot (05.11.2005)






    Flüchtlingsrat Hamburg, Nernstweg 32-34, 22765 Hamburg
    Tel.: 040-431587 Fax: 040-4304490

    info@fluechtlingsrat-hamburg.de


    << zurück

    nach oben