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Abschiebungen
07.10.2011
Offener Brief, wg. Spiegel-TV-Magazin-Sendung vom 11.09.2011

"Klein-Rumänien in der Harzerstraße" (Berlin-Neukölln)

Sehr geehrte Damen und Herren,

Mit großem Erschrecken haben wir auf Spiegel-TV-Magazin Ihr Video mit dem Titel "Von Bukarest in den deutschen Sozialstaat: Klein-Rumänien in der Harzerstraße" angesehen! Es kann doch wohl nicht wahr sein, mit welchen Methoden Ihre Reporter vorgingen:

  • sie gehen mit Namens- und Adressenlisten von der Gewerbeauskunft - die sicher nicht zum Zweck einer öffentlichen Sendung missbraucht werden dürfen - einfach in private Miethäuser einer namentlich genannten Straße in Berlin-Neukölln

  • sie klingeln bei Menschen, die beim Erscheinen in ihrer Wohnungstür ohne zu fragen und gegen ihren Willen einfach gefilmt werden, selbst nachdem sie sagen, sie möchten das nicht

  • sie sprechen auf der Straße bei laufender Kamera Menschen direkt mit Namen aus der Liste an

  • sie filmen die Haustüren und Briefkästen mit Namensschildern und Hausnummern

  • sie bedrängen überfallartig bei laufender Kamera Bewohner_innen, sich zu identifizieren und zu ihrer persönlichen Situation auszusagen

  • sie verunglimpfen dort lebende BewohnerInnen mit Unterstellungen und Scheinfragen

  • sie wollen keine Wahrheiten herausbekommen, sondern nur Konstruktionen von Worten und Bildern zur Bestätigung von Vorurteilen und Klischees, die die Bewohner_innen als "Illegale, Scheinselbständige, Sozialschmarotzer" diffamieren

  • sie mobilisieren mithilfe derart rechtswidriger Methoden rassistische und antiziganische Gefühle und schüren damit Stimmungen, die Hass auf bestimmte Bevölkerungsgruppen oder gar Angriffe und Pogrome auf Roma begünstigen

  • sie verallgemeinern die antiziganischen Klischees sogar auf ganz Rumänien (Rumäniens 21 Millionen BürgerInnen drohen nach Berlin zu kommen, um dort von Sozialhilfe zu lebenů), sie stigmatisieren damit insgesamt Rumänien und seine Bevölkerung

  • sie diffamieren Berliner Behörden, großzügig Sozialhilfe-Geschenke an Unberechtigte zu verteilen und damit ein ganzes Land zum Auswandern in die deutschen Sozialsysteme zu verlocken

    Der Spiegel ist wie alle Medien in demokratischen Gesellschaften zur seriösen Berichterstattung bei Wahrung der Persönlichkeitsrechte der abgebildeten Menschen verpflichtet. Das schließt aus, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen stigmatisiert werden dürfen, ebenso wie Gefühle von Hass und Xenophobie nicht geschürt werden dürfen.

    Sie haben mit dieser Sendung gegen die Grundregeln demokratischer Berichterstattung in mehrfacher Hinsicht verstoßen.

    Zudem dürfte Ihnen bekannt sein, dass gerade derzeit in mehreren Ländern Osteuropas wieder schlimmste Stimmungsmache bis zu Pogromen gegen Roma an der Tagesordnung sind, und dass die Roma nicht nur in Osteuropa und auf dem Balkan, sondern auch in Ländern Westeuropas immer wieder und nicht nur durch Rechte, sondern auch mithilfe von Regierungen mit üblen Hetzkampagnen verfolgt und ausgewiesen werden.

    In Deutschland, dem Nachfolgestaat des NS-Regimes, das die Roma und Sinti ganz Europas zu Hunderttausenden ermordete, sollte von den Medien eigentlich besonders sensibel darauf geachtet werden, dass antiziganistische Stimmungen weder geschürt noch begünstigt werden.

    Wir fordern Sie auf, sich öffentlich von der Sendung zu distanzieren und die verantwortlichen Redakteur_innen zur Verantwortung zu ziehen.

    Wir behalten uns vor, gegen Sie und die verantwortlichen Redakteur_innen rechtlich vorzugehen.

    Eva Weber Vorstand FFM
    Helmut Dietrich Vorstand FFM

    Mit-Erstunterzeichnende:
    Bewohner_innen der Harzer Straße 94 in 12059 Berlin

    Antirassistische Initiative Berlin Mariannenplatz 2 A - 10997 Berlin

    Flüchtlingsrat Hamburg Nernstweg 32, 22765 Hamburg

    Hamburger Arbeitskreis Roma und Roma-UnterstützerInnen c/o Flüchtlingsrat Hamburg

    Arbeitskreis Asyl Göttingen und Göttinger Bündnis gegen Abschiebung
    Geismarer Landstrasse 19, 37083 Göttingen

    Offener Brief


    Flüchtlingsrat Hamburg, Nernstweg 32-34, 22765 Hamburg
    Tel.: 040-431587 Fax: 040-4304490

    info@fluechtlingsrat-hamburg.de

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